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Geschichte der Verkaufsstelle der Familie Nenzel in Buchholz

Kaufladen in Buchholz ca.1999

 

Von Silvia Herrmann aufgeschrieben am  24.09.2015
Geschichte der Verkaufsstelle der Familie Nenzel in Buchholz
Der Aufbau des Handelsgeschäftes
Georg Nenzel stammte aus Bochum. Nach dem ersten Weltkrieg kam er als junger Mann nach Lühsdorf auf den Hof von Bauer Kaplick (heute gehört das Haus einem Gärtner). 1918 herrschte allgemein große Hungersnot und so wurde der junge Georg in die Ferien aufs Land geschickt. Er entschied sich, zu bleiben und sich hier eine Existenz aufzubauen.
Wegen der besseren Lage zog er nach Buchholz und eröffnete sein erstes Geschäft in der Dorfstraße im Hause Lißt (heute Wolter, neben dem Pfarrhaus). Im Angebot hatte er Lebensmittel und Gemischtwaren. Die Waren kaufte er nach Bedarf ein. Georg hatte einen festen Kundenstamm und belieferte seine Kunden bis Treuenbrietzen. Dazu schaffte er als einer der ersten Buchholzer ein Auto an. Er nahm die Bestellungen seiner Kunden auf, orderte die Waren und belieferte seine Kunden frei Haus mit Lebensmitteln, Kolonialwaren, Haushaltswaren und vielem mehr.
Seine spätere Ehefrau wohnte in der Dorfstraße direkt im Haus gegenüber. Anfang der 30’er begann Georg, sein eigenes Haus direkt an der Hauptstraße zu bauen.

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Hier wurden der Laden und die Wohnung eingeplant, später wurde links ein Torhaus angebaut.

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1936 wurde Sohn Lothar geboren. Er sollte später das Geschäft unterstützen.
Kriegsende
In den letzten Kriegstagen des 2. Weltkrieges marschierte die Sowjetarmee in Buchholz ein. Eines Tages, einige Frauen wollten noch ihre Einkäufe erledigen, kamen die Soldaten auch in das Geschäft der Familie Nenzel. Die Frauen versteckten sich erfolgreich im Kartoffelkeller und blieben verschont. Georg Nenzel sollte auf einen Wagen geladen werden. Er drehte sich jedoch noch einmal um und ging zurück ins Haus. Geistesgegenwärtig holte er eine Flasche Schnaps, was die Sowjetsoldaten dazu veranlasste, ihn freizulassen. Im Laden jedoch randalierten sie, zerschlugen das Mobiliar und verwüsteten die Räume. Im Zuge der letzten Kampfhandlungen in Buchholz und Umgebung wird auch vom Abschuss von Flugzeugen berichtet. Die Familie Nenzel begab sich auf die Flucht vor der Sowjetarmee und kam bis hinter Magdeburg. Sie waren zu Fuß mehrere Wochen unterwegs. In diesen Tagen plünderten, wohl auch aus Not, Anwohner letzte Warenbestände. Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Buchholz zurück. Sie räumten das Geschäft wieder auf, säuberten die Räume, die von den Soldaten auch durch Fäkalien verschmutzt waren und richteten den Laden wieder ein.
Das Geschäft wurde zunächst privat weitergeführt. Die Waren kamen per Bahn und wurden gegen Vorlage von Lebensmittelkarten verkauft. Im Laden arbeiteten neben Georg und seiner Frau Helene auch eine Verkäuferin aus Berlin.
In der Konsum Genossenschaft

In den 50’er Jahren trat die Konsum Genossenschaft an Helene Nenzel mit der Aufforderung heran, in die Genossenschaft einzutreten. Man machte ihr deutlich, dass, wenn sie nicht eintreten würden, man direkt in der Nachbarschaft ein eigenes Geschäft eröffnen würde, was den Ruin von Helenes Geschäft bedeuten würde.
Georg selbst weigerte sich, mit der Konsum KG zusammenzuarbeiten, und zog sich aus dem Verkaufsgeschäft zurück. Helene trat der Konsum KG bei, was gleichzeitig die Enteignung ihres Geschäfts bedeutete. Sie selbst leitete den Verkauf gegen ein monatliches Gehalt. Die Konsum KG übernahm die gesamte Ladenausstattung und zahlte dafür nur eine geringe Miete. Die Fenster, die im Zuge der letzten Kriegshandlungen zerstört wurden, hatte Georg erst kurz zuvor auf eigene Kosten erneuern lassen. Während Helene das Konsumgeschäft führte, betrieb Georg sein kleines Fuhrgeschäft. Sein Sohn Lothar unterstützte ihn dabei und setzte den LKW sowie den „Sanker“ instand. Der Sanker diente auch als Transportmittel für kleine Ausflüge, die Georg zusätzlich anbot.

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1963 heiratete Lothar seine Frau Hilde. Ab 1964 arbeitete Sie mit im Verkauf. Eigentlich war sie gelernte Schneiderin, doch sie holte die Ausbildung zur Verkäuferin und Verkaufsstellenleiterin in Potsdam nach.Im Laden wurden sämtliche Lebensmittel angeboten, darunter auch Milch, die in 20-Liter-Kannen aus der Molkerei Wittbrietzen geliefert wurden, sowie auch andere Produkte aus Fässern, wie Senf und Sauerkraut, oder auch aus Säcken, wie Mehl und Zucker. Die Waage sowie das Halblitermaß waren wichtige Ausstattungen im Verkauf. Zur Kühlung gab einen großen Gewerbekühlschrank. Die Wurst und Fleischwaren wurden zweimal die Woche aus Elsholz geliefert. Neben Lebensmitteln wurden auch Haushaltswaren, Schreibwaren, wie z.B. auch Postkarten, und weitere wichtige Artikel des täglichen Bedarfs angeboten. Der Konsum wurde zum wichtigen Treffpunkt im Dorf. Die Kunden, meist die Frauen, erledigten ihren Einkauf fast täglich. Auch ein Kundenbuch lag aus.
Nach der Wende 1989

Nach der politischen Wende 1989 führte Hilde Nenzel das Geschäft zunächst als Konsum und danach wieder privatwirtschaftlich weiter. Nach einer Inventur kaufte sie die vorhandenen Waren zurück. Die „Sparkette“ hatte damals kleine Läden als Geschäftspartner gewonnen. Doch die Umsätze gingen weiter zurück. Nach und nach eröffneten in der Umgebung große Discounter- und Supermarktketten neue Verkaufshallen. Da inzwischen auch viele Anwohner außerhalb von Buchholz einer Arbeit nachgingen, waren sie auf ein Lebensmittelgeschäft im Ort nicht mehr zwingend angewiesen. Insbesondere die Eröffnung der Marktkauf-Filiale in Luckenwalde machte sich hier stark bemerkbar. Auch wenn Frau Nenzel an die untere Preisgrenze ging und die Waren zu gleichen Preisen wie im Supermarkt anbot, zogen es viele ihrer ehemaligen Kunden vor, bei Discountern und in den Supermärkten der Umgebung einzukaufen. Für die Sparkette wurde das Geschäft uninteressant, da der Umfang des Sortiments nicht den Vorstellungen entsprach und einen Ausweitung oder Modernisierung des Geschäftes unrentabel erschienen. Ein 17-stündiger Arbeitstag, der selbständige Wareneinkauf, z.B. Obst aus Geltow oder Waren bis aus Wittenberg, und der Preiskampf forderten, wie in vielen anderen kleinen Orten Konsequenzen. Frau Nenzel entschloss sich deshalb, noch vor der
Einführung der Eurowährung das Geschäft zu schließen.
Zu Weihnachten 2000 war der Laden noch mit allen wichtigen Waren gefüllt, um die treue Stammkundschaft bis zum Schluss zuverlässig zu versorgen. Danach erfolgte der Abverkauf der letzten Artikel. Am 28. Februar 2001, dem Aschermittwoch, wurde das Geschäft endgültig geschlossen.

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So ging die abwechslungsreiche Geschichte des Verkaufsgeschäftes der Familie Nenzel in Buchholz zu Ende und im Dorf fehlt von nun an ein wichtiger Treffpunkt und oft tägliches Einkaufsritual.

 

2016 sieht das Haus so aus:

Haus Nenzel 2016

Haus Nenzel 2016

 

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